Ein Einschub: Was ist Zeichnung?

Achtung: es geht nicht um eine Zeichnung, sondern um Zeichnung. Das sind im Deutschen zwei Paar Stiefel!

Und doch fangen wir mal mit einer Zeichnung an. Auf Jahrmärkten oder an touristischen Brennpunkten kann man häufig Schnellzeichner finden, die in kurzer Zeit ein Porträt eines Menschen, besser: einer Person, anfertigen. Wir sehen schon: es gibt einen großen Unterschied zwischen Mensch (als Gattungsnahmen), und Person, oder vielleicht besser, Persönlichkeit. Der Zeichner hat die Freiheiten eines Karikaturisten, er kann Wesenszüge hervorheben oder gar übertreiben, oder es mehr mit einem „photographischen“ Abbild der Person halten. Und da haben wir schon den Punkt: Mit Photographie können wir nur ein Abbild der Wirklichkeit erzeugen, aber kaum eine Karikatur herstellen. Wir kommen in der Regel als Photographen nicht in diesen künstlerischen Bereich hinein.

Das Darstellungsmittel des Zeichners ist meist Bleistift auf Papier. Er wird versuchen, die dunkleren Stellen (hier sind wir wieder: die Schatten) durch kräftigeren Bleistiftauftrag darzustellen. Und die Modulation der Lichter, die eigentlich nur durch das Papierweiß definiert sind, wird er/sie manchmal durch einen Wischer mit der bleistiftverschmutzten Fingerspitze vornehmen. Und trotzdem: selbst mit weichem Bleistift, der satter aufträgt als harter Bleistift, kommt nur ein Bild grau auf weiß zu Stande. Die Ton-Graphit Mischung des Bleistifts kann kein „schwärzeres“ Schwarz erzeugen als Bleistift so dick aufgetragen, bis das Papier reißt.

Man kann an den immer ausgestellten Musterzeichnungen sehen, dass trotz dieser Beschränkungen recht plastische Zeichnungen entstehen können. Jetzt gibt es aber Künstler, die Bleistiftzeichnungen erstellen oder erstellt haben, die auf den ersten Blick viel besser wirken als die reinen Bleistiftzeichnungen. Was haben diese in vielen Fällen gemacht: Sie haben die Schatten manipuliert und durch Tusche oder Kohle die Schatten, also die dunklen Stellen des Bilds, vertieft. Als Betrachter stellen wir im ersten Blick nur fest, dass ein solches Bild besser „wirkt“, und sehen erst nach genauerem Hinschauen, ggf. durch die Beschreibung, fest, dass keine reine Bleistiftzeichnung mehr vorliegt. Im Sinne einer besseren Bildwirkung ist eigentlich jede Manipulation erlaubt. Ein Bild mit größeren Helligkeitsunterschieden, was man auch als größeren Kontrast bezeichnen kann, wirkt also meistens besser.

Das andere ist die Struktur der Details. Wenn wir mal den Blick in die Umgebung schweifen lassen, so werden wir nur an ganz kleinen Flächen eine glatte, nicht gezeichnete Oberfläche feststellen. Dies könnte eine metallisch glatte, ebene Fläche sein, ein weißes Blatt Papier in der Sonne, oder andere, meist kleine Flächen, in denen wir keinerlei Unterschiede in der Helligkeit bemerken können. Fast alles, was wir sehen, ist entweder in der Helligkeit oder durch Farbe strukturiert. Unser Auge ist sogar eine ideale Kamera, weil es Gesamthelligkeitsunterschiede sehr schnell kompensiert: Überwiegen die hellen Zonen, dann wird der Irisdurchmesser reduziert, die Beleuchtungsstärke auf der Netzhaut also vermndert, und umgekehrt in dunkleren Bereichen aufgeblendet, um das Bild heller werden zu lassen.

Strukturierungen von Oberflächen kann man also eigentlich als Zeichnung durch Helligkeitsunterschiede beschreiben, und genau damit arbeiten wir in der Schwarz-Weiß-Photographie. Die hohe Kunst der SW-Photographie ist nun, möglichst im Bild keine „platten“ Flächen ohne Zeichnung zu haben, sondern in allen Stellen, den hellen Lichtern und den dunklen Schatten, noch Zeichnung zu finden. Es muss also möglich sein, dort noch Oberflächendetails oder Reflexionen zu erkennen..

Zum Einprägen:


Auf einem guten Photo gibt es keine „geschlossenen“ Flächen. Alles sollte mehr oder weniger durchgezeichnet sein.

Dieses Verhalten können wir durch richtige Belichtung und den Negativentwicklungsprozess entschieden beeinflussen.





Version: 1.0  Copyright: Rolf Süßbrich, Dortmund, 18. 11. 2005